Familienrat als Alternative?

Bei Problemen in Familien kommt manchmal ein Verfahren namens „Familienrat“ auf den Plan. Auch wenn es unbestritten seine Vorteile hat, sieht der Autor den Familienrat gegenüber einer Mediation oder Erziehungsberatung im Nachteil.

Wenn Familien nicht mehr miteinander reden können, kann ein Verfahren namens „Familienrat“ Abhilfe schaffen. Damit ist nicht gemeint, dass eine Familie in regelmässigen Abständen zusammensitzt, um anstehende Fragen und Probleme zu besprechen. Sowas ist ganz sicher sinnvoll und klappt in den allermeisten Familien auch ohne externe Hilfe bestens! In diesem Beitrag geht es um ein ganz bestimmtes Verfahren namens Familienrat oder auch Family Group Conference, welches ursprünglich aus Neuseeland stammt.

  • Das Verfahren „Familienrat“ sieht vor, dass nur der Verfahrensrahmen und die Gesprächsregeln mithilfe einer externen Drittperson erarbeitet werden. In der sogenannten Familienphase verlassen alle externen Fachleute den Raum und die Familie wird sich selbst überlassen. Ich halte das gelinde gesagt für einen mutigen Schritt. Denn in diesem Moment geht es ans Eingemachte. Es kann was Fahrlässiges haben, Familien bei diesem Schritt allein zu lassen. Vermutlich sind sie ja gerade deshalb auf die Idee gekommen, sich für einen Familienrat zu melden, weil sie alleine nicht mehr weitergekommen sind.
  • Es besteht die Gefahr, dass niemand die Verantwortung für den Familienrat übernimmt. Als Familie hat man die Erwartung, dass die externe Drittperson die Verantwortung für das Verfahren innehat. Doch diese Drittperson zieht sich im entscheidenden Moment aus dem Verfahren zurück.
  • Eine Stärke des Familienrates ist, dass er die erweiterte Familie mit einbezieht, indem zum Beispiel Grosseltern, Freunde der Familie oder Götti bzw. Gotti ebenfalls am Familienrat teilnehmen. Doch der Kreis der involvierten Personen kann auch zu gross sein. So kann z.B. das Konfliktfeld Eltern-Kinder, um das es eigentlich geht, unnötigerweise auch ums Konfliktfeld Grosseltern-Eltern ergänzt werden. Eine Mediation würde hier den Grundsatz verfolgen: Alle am Konflikt Beteiligten gehören an den Tisch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
  • Der Familienrat verlangt, dass stets die ganze Familie anwesend ist. Nicht beteiligte Kinder sollten jedoch zu ihrem eigenen Schutz nicht am Verfahren teilnehmen müssen. Wenn Eltern mit dem einen Kind nicht mehr reden können, dann müssen sie primär mit diesem Kind reden, notfalls auch mit externer Hilfe. Ein zweites Kind ist vielleicht noch zu jung und überfordert vom Verfahren oder wird schlimmstenfalls in eine ungesunde Rolle gedrängt. Eine Schwester sollte Schwester bleiben dürfen und nicht plötzlich in einem Familienrat als „kleine Erwachsene“ zwischen Eltern und Bruder stehen müssen. Man kann in dieser Konstellation Kindern auch Unrecht antun.

Aus meiner Sicht ist eine Mediation in den allermeisten Fällen besser geeignet, Probleme im familiären Kontext anzugehen. Am besten bei einem Mediator oder einer Mediatorin, die auf Eltern-Kind-Fragen spezialisiert ist und in diesem Bereich über spezifisches Fachwissen verfügt. Manchmal genügt auch einfach eine Erziehungsberatung, denn die Verantwortung für die Eltern-Kind-Beziehung liegt immer bei den Eltern.